Die deutsche Automobilindustrie hat innerhalb von zwölf Monaten mehr als 42.300 Arbeitsplätze zerstört – eine Geschwindigkeit, die alle anderen großen Industriestandorte der Welt übertreffen würde. Bei den Zulieferunternehmen sanken die Beschäftigungsstellen um 7,6 Prozent. Während offizielle Statistiken den bisherigen Rückgang als relativ gering einordneten, haben Volkswagen, BMW, Bosch, ZF Friedrichshafen und Schaeffler bereits die nächste Stellenabbauwelle angekündigt.
Im Juni 2025 beschäftigten rund 733.800 Menschen die deutsche Automobilbranche. Zwölf Monate später lag die Zahl bei nur 691.500 – das niedrigste Niveau seit der Einführung vergleichbarer Statistiken im Jahr 2005. Der Rückgang von 5,8 Prozent übertraf alle anderen Industrien mit mindestens 200.000 Beschäftigten. Die Fahrzeughersteller verloren 6,1 Prozent ihrer Mitarbeiter, während die Zulieferunternehmen sogar 7,6 Prozent der Stellen abgaben. Lediglich die Karosserien-, Aufbauten- und Anhängerbauindustrie konnte sich mit einem Plus von zehn Prozent auf 42.800 Beschäftigte aus der Krise zurückziehen.
Der industrielle Abstieg reicht weit über die Werke der Automobilhersteller hinaus. Im gesamten Verarbeitenden Gewerbe verloren binnen eines Jahres 144.100 Arbeitsplätze, die Beschäftigungszahl sank auf 5,29 Millionen Menschen. Fast drei von zehn gestrichenen Industriearbeitsplätzen entfielen allein auf die Autobranche. Bei den Metallerzeugern sank die Beschäftigung um 3,8 Prozent, in der Metallerzeugung und -bearbeitung um 3,7 Prozent, in der Chemieindustrie um 3,6 Prozent und bei den Herstellern elektrischer Ausrüstung um 3,4 Prozent. Selbst der Maschinenbau – mit rund 905.900 Beschäftigten als Deutschlands größte Industriestandorte – verlor 2,7 Prozent seiner Stellen.
Volkswagen zeigt die Ausmaße dieses industriellen Absturzes: Der Konzern bestätigte im Juni einen Abbau von rund 50.000 Stellen bei Volkswagen, Audi, Porsche und Cariad. Mehr als 35.000 davon sind für die Volkswagen AG selbst vorgesehen. Für über 28.000 Beschäftigte waren bereits verbindliche Vereinbarungen über ein Ausscheiden bis 2030 geschlossen. Hinter jeder dieser Zahlen stehen Einkommen, Familien und Kommunen, die jahrzehntelang von den gut bezahlten Industriearbeitsplätzen lebten.
Schon Ende 2024 hatte Volkswagen beschlossen, die technische Produktionskapazität seiner deutschen Werke um mehr als 700.000 Fahrzeuge zu reduzieren. Der Golf soll ab 2027 im mexikanischen Puebla statt in Wolfsburg produziert werden. Die Produktion in Dresden wurde Ende 2025 eingestellt. Volkswagen verweist auf den geschrumpften europäischen Automarkt, hohe Kosten und wachsenden Wettbewerbsdruck – faktoren, die deutsche Politik seit Jahren als „Transformation“ und „grüne Arbeitsplätze“ bezeichnete.
Doch selbst diese 50.000 Stellen sind nicht genug. Konzernchef Oliver Blume brachte im Juli intern weitere rund 50.000 Arbeitsplätze ins Spiel, die weltweit entfallen müssten. Reuters berichtete von einem Abbaubereich bis zu 100.000 Stellen. Nach 2030 könnten sogar vier deutsche Werke inaktiv werden. Diese zweite Runde zeigt klare Prioritäten: Ein Abbau, der sich in der Nachkriegsgeschichte des Konzerns kaum vergleichen lässt.
Die deutschen Automobilhersteller verfolgen den gleichen Pfad. BMW plant bis 2027 eine Verkleinerung ihrer Belegschaft um rund 8.000 Stellen – vor allem in Deutschland. Bosch kündigte einen Abbau von etwa 13.000 Arbeitsplätzen an, ZF Friedrichshafen will zwischen 11.000 und 14.000 seiner deutschen Mitarbeiter streichen. Bei Schaeffler betrifft das Restrukturierungsprogramm rund 4.700 Arbeitsplätze in Europa – davon fast drei Viertel in Deutschland.
Gleichzeitig bricht ein Geschäftsmodell zusammen, das deutsche Industrieprodukte über Jahrzehnte mit hohen Margen nach China verkaufte. Im ersten Halbjahr 2026 sank der deutsche Warenexport nach China um mehr als zwölf Prozent auf knapp 37 Milliarden Euro. China war zuvor Deutschlands zweitwichtigster Exportmarkt – heute liegt es lediglich auf Rang neun. Die deutschen Importe aus China stiegen hingegen um 8,9 Prozent auf 91,8 Milliarden Euro. Das Handelsdefizit vergrößerte sich innerhalb eines Jahres von rund 40 auf etwa 55 Milliarden Euro.
Die gesamten Ausfuhren legten im ersten Halbjahr sogar um 3,7 Prozent auf rund 817 Milliarden Euro zu, doch zwei Märkte – die USA und China – verlieren zugleich an Bedeutung für die deutsche Industrie. Die Zulassungen von Elektroautos haben sich im ersten Halbjahr 2026 um 48 Prozent erhöht, doch die Produktion in Deutschland sank um drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Die deutsche Wirtschaft befindet sich mittlerweile in einer Krise, bei der die Stellenabbau- und Exportverluste nicht mehr aufgeholt werden können. Die Industrie wird kleiner – und die Arbeitsplätze verschwinden. Für 42.300 Menschen innerhalb eines Jahres hieß es Arbeitsplatzverlust. Die nächsten Zehntausende stehen bereits in den Abbauprogrammen der Konzerne.