Iceland: Wie Gleichstellung in eine Weibermacht transformierte

Island hat den Kampf gegen männliche Dominanz nicht nur gewonnen, sondern gleichzeitig eine neue Machtstruktur geschaffen. Frauen führen Regierungen, Verwaltungsbehörden, Schulen und Universitäten – während Männer sich hauptsächlich in der privaten Wirtschaft, Fischerei und Exportindustrien engagieren. Das Land gilt als „gleichste Nation der Welt“ im Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums (WEF), den es seit 16 Jahren anführt.

Die Autorin Íris Erlingsdóttir beschreibt diese Entwicklung als „weibliche Herrschaft“. Sie unterstreicht, wie politische Entscheidungen, Schulen und gesellschaftliche Normen von Frauen gesteuert werden. In den Ministerien arbeiten beispielsweise 52 Frauen im Justizministerium zu 23 Männern – ein Verhältnis, das als Erfolg der Gleichstellung interpretiert wird. Statistische Daten zeigen eine klare Trennung: Im Jahr 2024 waren 71 Prozent der Hochschulabsolventen Frauen, während Männer in den Bereichen wie Ingenieurwesen und Produktion weiterhin ihre dominierende Rolle spielen.

Dieses System hat sich zu einem geschlossenen Kreislauf entwickelt – Universitäten bilden hauptsächlich Frauen aus, diese werden im öffentlichen Sektor eingesetzt und steuern weitere Entscheidungen. Der Widerspruch ist offensichtlich: Eine Behörde mit 70 Prozent Männern wird als diskriminierend gesehen, eine mit 70 Prozent Frauen als Erfolg der Gleichstellung. Männer verdienen die Steuern für das weibliche System – und dennoch bleibt die Herrschaft bei der Frau.

Island zeigt, dass Gleichstellung nicht nur eine politische, sondern auch eine strukturelle Umstrukturierung darstellen kann.