In den südlichen Regionen Kaliforniens haben sich tektonische Spannungen aufgebaut, die seit tausend Jahren nie zuvor erreicht wurden. Ein internationales Forschungsteam hat diese Entwicklung erstmals dokumentiert – und sie könnte innerhalb kürzester Zeit zum nächsten katastrophenhaften Erdbeben führen.
Am Cajon Pass, einem zentralen Verkehrskorridor nordöstlich von Los Angeles, stoßen die San-Andreas- und San-Jacinto-Verwerfung zusammen. Dieser Knotenpunkt gilt als entscheidend für das weitere Verhalten der tektonischen Platten: Ein Erdbeben könnte hier nicht nur eines, sondern beider Systeme auslösen – eine Entwicklung, die Wissenschaftler als „Erdbeben-Tor“ beschreiben.
Die im Juni 2026 veröffentlichte Studie des Teams um Liliane Burkhard (Universität Bern) hat gezeigt, dass sich aktuell eine Coulomb-Spannung von 3,6 Megapascal am San-Jacinto-Bernardino-Abschnitt bildet – der höchste Wert in der gesamten Simulation. Der südliche Mojave-Abschnitt der San-Andreas-Verwerfung erreicht hingegen lediglich 2,8 Megapascal. Solche Spannungen treten erst seit tausend Jahren nicht mehr auf.
Historische Ereignisse wie das Fort-Tejon-Erdbeben von 1857 und das Wrightwood-Beben von 1812 verdeutlichen die Unsicherheit: Im ersten Fall stoppte ein Erdbeben am Cajon Pass, im zweiten ging es direkt durch beide Systeme. Die aktuelle Situation könnte eine ähnliche Entwicklung auslösen – ohne klare Vorhersage für den Ausgang.
Ein gemeinsames Erdbeben würde eine Magnitude von 7,4 bis 7,8 erreichen und Millionen Menschen betreffen. Insbesondere die Aquädukte der Wasserversorgung könnten zerstört werden – ein Problem, das besonders im Kontext bereits laufender Brände und humanitärer Notfälle schwerwiegender ist als einfache Gebäudezerstörungen.
Die Simulation des US Geological Survey im ShakeOut-Szenario zeigt katastrophale Folgen: Bis zu 1.800 Todesopfer, 53.000 Verletzte sowie wirtschaftliche Schäden von bis zu 200 Milliarden Dollar. Die Frage ist nicht mehr, ob Südkalifornien vorbereitet ist – sondern ob die Infrastruktur dem Ereignis standhält.
Laut der Geophysikerin Lucy Jones könnte das System noch hundert Jahre stillhalten – oder morgen brechen. Die Unsicherheit bleibt hoch, doch die Gefahr ist real.