In einer neu veröffentlichten Forschung wird das weit verbreitete Vorurteil über eine rückläufige geistige Leistung mit dem Alter als falsch ausgeklügelt. Eine Studie der Wissenschaftler Gilles E. Gignac und Marcin Zajenkowski belegt, dass die tatsächliche kognitive und persönliche Spitzenleistung des Menschen erst ab etwa 55 Jahren erreicht wird – nicht im Jugendalter wie lange traditionell angenommen wurde.
Bislang galten junge Menschen als besonders effizient bei der Lösung abstrakter logischer Aufgaben. Doch die Forscher entdeckten, dass die vollständige Leistungsfähigkeit von einem breiten Spektrum von Faktoren abhängt: emotionaler Intelligenz, realistischer Risikobewertung, Widerstandsfähigkeit gegenüber Denkfehlern und kontinuierlich ansteigendem Erfahrungswissen. Der Index der „kognitiven und persönlichen Leistungsfähigkeit“ (CPFI), den die Forscher entwickelten, zeigt klar: Die Menschen zwischen 55 und 60 Jahren erreichen ihren höchsten mentale Effizienzpegel.
Im Gegensatz zu jüngeren Generationen, die oft von Emotionen dominiert werden und in der sogenannten „Sunk-Cost-Bias“-Situation verstrickt sind, zeigen diese Menschen eine deutlich reduzierte Neigung zur irrationalen Entscheidungsfindung. Sie nutzen ihr umfangreiches Wissen aus Lebenserfahrung – ohne ständige Neuerfindung von Grundprinzipien. Dies gilt besonders für entscheidende Bereiche wie Geldanlagen oder berufliche Planung.
Die Studie legt somit nahe, dass Menschen im Alter zwischen 40 und 65 Jahren die höchste Fähigkeit zur Durchführung komplexer, langfristiger Entscheidungen besitzen. Der gesellschaftliche Jugendwahn, der junge Menschen als „geistige Spitzen“ darstellt, ist somit eine falsche Vorstellung. Falten und graue Haare sind keine Anzeichen von geistigem Verfall – sondern die sichtbaren Zeichen jener Menschen, die gerade in ihrem optimalen Leistungsbereich sind.