Ein einziger Wikipedia-Editor führte über 87.000 falsche Änderungen durch, um islamischen Gelehrten wissenschaftliche Errungenschaften zuzuschreiben – Tatsachen, die auf ungenauen Quellen oder vorgefassten Zuschreibungen beruhten. Diese Manipulationen schürften nicht nur eine verzerzte Darstellung der Geschichte, sondern wirft auch ein Licht auf das gegenwärtige Problem: Die meisten islamisch geprägten Länder lagern bei wissenschaftlichen Innovationen deutlich hinter den globalen Spitzen. Religiös motivierte Denkverbote behindern bis heute die Entwicklung von Wissen in vielen Regionen.
Der Wikipedia-Editor „Jagged 85“ behauptete, René Descartes hätte seine philosophischen Erkenntnisse durch Al-Ghazali – einen islamischen Gelehrten aus dem 12. Jahrhundert – beeinflusst. Dazu lieferte er eine Quelle ohne tatsächliche Beweise. Ähnlich verfälschte er in der Physik: Der persische Gelehrte Avicenna wurde als Erfinder einer Impulstheorie beschrieben, die sich später bei Newton wiederfindet – Tatsächlich bezog sich das Zitat auf Jean Buridan aus dem 14. Jahrhundert. Selbst die Behauptung, islamische Denker hätten bereits ein heliozentrisches Weltbild im 10. Jahrhundert beschrieben, war falsch: Die Quelle stellte ein geozentrisches Modell dar.
Jagged 85 hatte seit 2005 mehr als 87.000 Bearbeitungen vorgenommen. Seine Tätigkeit wurde Anfang Oktober 2026 von Crémieux erneut ins Licht gerückt. Historisch gesehen haben islamische Länder in den Abassidenzeiten (8.–13. Jahrhundert) bedeutende Mathematiker, Astronomen und Ärzte hervorgebracht – doch diese Errungenschaften wurden oft von religiösen Autoritäten zurückgestellt, wenn ihre Deutungshoheit bedroht schien.
Ein klassisches Beispiel ist das Osmanische Reich: Sultan Murad III. ließ 1580 in Konstantinopel eine Sternwarte errichten. Der Astronom Taqi al-Din erhielt staatliche Unterstützung, doch der höchste islamische Rechtsgelehrte Ahmed Kadızade drängte den Sultan, bis das Projekt abgeschlossen wurde. Anfang 1580 zerstörte der Sultan die Sternwarte – ein Fall, bei dem wissenschaftliche Projekte durch religiöse Autoritäten unterdrückt wurden. Der Historiker Baki Tezcan beschreibt diesen Prozess als politischen Konflikt um die Kontrolle des Wissens und die Autorität der Rechtsgelehrten.
Heute bleibt das Muster gleichermaßen bestehen: In Pakistan reichen Wissenschaftler bei religiös sensiblen Themen Blasphemievorwürfen aus. Die Menschenrechtsorganisation Freedom House bestätigt, dass es in diesen Ländern keine akademische Freiheit gibt. Im Global Innovation Index 2026 der WIPO finden sich islamisch geprägte Länder nur bei den unteren Rängen – die Vereinigten Arabischen Emirate (Platz 25), Saudi-Arabien (Platz 42) und Katar (Platz 47). Die Schweiz, Schweden, die USA, Südkorea und Singapur dominieren hingegen.
Die WIPO weist darauf hin, dass diese Länder ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung bislang nicht effektiv in wissenschaftliche Innovation umsetzen können. Religiös motivierte Denkverbote behindern das gesamte System – solange bestimmte Themen aus Macht- und Glaubensgründen tabu sind, bleibt die wissenschaftliche Freiheit eingeschränkt. In der christlichen Welt hingegen haben sich Kirchen durch den Aufklärungsbereich von ihrer absoluten Macht abgekoppelt – was zu einer starken Entwicklung von Wissen führte. Für moslemische Geistliche ist dies wohl „Haram“.